Der Österreichische Rundfunk (ORF) ist das weitaus größte Medienunternehmen des kleinen Landes – und nach Gebühren- wie nach kommerziellen Einnahmen einer der größten in Europa. Er nimmt im Jahr mehr ein als die drei größten Verlage zusammen. Rundfunkgebühren erhält der öffentlich-rechtliche Sender unter öffentlicher, also politischer Kontrolle, damit er Aufträge im Interesse der Allgemeinheit erfüllt. Doch das tut er nicht immer so, wie das Gesetz es vorschreibt. Und er tut weit mehr als das. Warum der ORF so groß war, so groß ist und so groß bleibt. Und warum dem ORF-Schicksalsjahr 2016 nun 2017 gleich das nächste folgt.

Nach der Generalswahl ist vor der Generalswahl

Gerade hat der ORF 2016 einen neuen alten Generaldirektor gewählt, und mit 1. Jänner 2017 ging erstmals ein ORF-Chef ohne Unterbrechung in seine dritte Amtszeit am Stück. Bis Ende 2021 dauert seine reguläre Amtszeit, doch 2017 wartet schon die nächste große Hürde: eine Nationalratswahl, die sehr wahrscheinlich eine neu zusammengesetzte Regierung und Parlamentsmehrheit bringt. Und neue Regierungen denken sehr rasch an den ORF.

Da geht es um eine neue Zusammensetzung des großteils politisch beschickten, obersten Aufsichtsgremiums, seit 2001 heißt es Stiftungsrat. Da geht es aber auch rasch um neue ORF-Gesetze, gern mit neu organisierten Aufsichtsgremien – und mit neuen Aufsichtsgremien braucht es gemeinhin auch eine neu bestellte Geschäftsführung. Meist eine Gelegenheit, um alte Generäle und ihre Direktoren loszuwerden – wie 1974 und 2001.

2016 unterlag der von ÖVP und FPÖ unterstützte Richard Grasl, bis dahin Finanzdirektor, Wrabetz im Stiftungsrat bei der Generalswahl. Man hätte auf ein neuerliches Antreten unter einer neuen, womöglich schwarzblauen Koalition wetten können – hätte sich nicht im Juni 2017 Tragisches in Grasls Privatleben ereignet. Man wird sehen, ob dieses Ereignis (das ich hier vorerst nicht näher benennen will) Einfluss auf Grasls weitere ORF-Ambitionen hat.

Mit der Bestellung des ORF-Chefs (regulär oder mit neuer Regierungsmehrheit und/oder neuem Gesetz) setzt spätestens alle fünf Jahre das große Ringelreihen ein, wer was wird, wer was werden muss, damit dieser oder jener genug rote, schwarze, blaue, grüne, pinkfarbene und gelbe und von anderen Interessen beseelte Stimmen bei der Generalswahl bekommt: Direktoren, Landesdirektoren, Chefredakteure und sonstige Führungskräfte, von denen es im ORF schon viele gibt und womöglich noch ein paar mehr oder zumindest neue: Der ORF soll, das schiebt sei Chef schon lange vor sich her, eine neue Führungsstruktur bekommen; die manchem Politiker zu unabhängig und selbstbewusst auftretende TV-Information unterstellt sich ORF-General Alexander Wrabetz 2017 gleich direkt. Channel Manager sollen nach der Wahl folgen – nach bisheriger Planung ein roter, sehr durchschlagskräftiger, und eine schwarze. Oder wie es dann nach der Regierungsbildung passt.

Alarmbereitschaft also für die Redakteurinnen und Redakteure des ORF vor absehbarer Gefahr von politischen und anderen Tauschgeschäften: Jobs in dieser neuen Struktur gegen den Job des ORF-Generals.

Ganz gute Aussichten gibt es für junge Journalisten und Medienmacher auf dem Küniglberg: An die 1000 ORF-Angestellte gehen in den nächsten Jahren in Pension, der eine oder andere Job muss wohl mit Jüngeren nachbesetzt werden. Aber: Mit einem neuen Kollektivvertrag, dem schlechtesten unter zumindest vier verschiedenen, teils recht fürstlichen ORF-Gehaltsregelungen.

Nach der Gebührenerhöhung ist vor der Gebührenerhöhung – oder der Haushaltsabgabe

Nicht ganz so schöne Aussichten auch für die Gebührenzahler: Nach der Generalswahl (und der Bundespräsidentenwahl) beantragte ORF-Chef Alexander Wrabetz 7,7 Prozent höhere Gebühren ab Mai 2017. 4 Cent mehr pro Tag und Haushalt, beruhigt er das Publikum. Nach politischem Gezerre wurden es 6,5 Prozent mehr – zuwenig, warnten die ORF-Wirtschaftsprüfer gleich. Nach der Gebührenerhöhung ist vor der Gebührenerhöhung – oder vor der Haushaltsabgabe für alle statt der Rundfunkgebühr, die Streaming bisher nicht berücksichtigt.

Mit den Gebühren liegt auch eine Änderung der Gebührenpflicht in der Luft – im Sommer 2015 entschied der Verwaltungsgerichtshof: Wer Bewegtbild nur über PC und Breitbandanschluss (ohne TV-Karte) nutzt, muss keine Rundfunkgebühr zahlen. Da tut sich eine Lücke auf für Österreichs allergrößtes Medienunternehmen. Eine vorerst überschaubare Lücke – im ersten Jahr wurden intern rund 600.000 Euro genannt – bei 600 Millionen Gebühren. Aber eine wachsende Lücke in seinem weitaus wichtigsten Finanzierungsstrom: den Rundfunkgebühren, die fast zwei Drittel seines Milliardenumsatzes ausmachen.

Bevor wir beginnen, den ORF vom Kopf her aufzurollen – noch ein rascher Rundflug über den Küniglberg und seine Dependancen in den Ländern: Das Wichtigste über den ORF in 14 Punkten. Dann ein erster, schon recht eindrucksvoller Blick auf seine internationale Größe – im Vergleich mit allen anderen öffentlichen und öffentlich-rechtlichen Anstalten in Europa. Und, quasi als 15. Punkt: Das Paradoxon ORF. Bleiben Sie dran.

ORF-Buch: Das Inhaltsverzeichnis

Zum Einstieg

  1. Das Wichtigste in 14 Punkten
  2. Der ORF – eine der reichsten Anstalten Europas
  3. Paradoxon ORF: Ein Wesen voller Widersprüche
  4. Was war wann: Die Timeline der ORF-Generäle, Bundesregierungen, TV-Marktanteile und wichtigsten Ereignisse

Wunschkonzert: ORF und Politik

  1. Schalt- und Schicksalsjahre: Die Generalswahl
  2. Gegen Kanzler, mit Kanzlern: ORF-Wahlen in Zahlen
  3. Warum wollen Menschen ORF-General werden?
  4. Geben und Nehmen: Wie wird man ORF-General?
  5. Vor Wrabetz wird gewarnt: 3 Klarstellungen
  6. Fast Alex ist möglich: Wrabetz, der ORF und die Politik
  7. Jeder gegen Jeden: Die Minenfelder Wahldebatte und Sommergespräch
  8. Von Bacher bis Lindner: 13 prototypische Polit-Fälle – Sturm aufs Studio, Milliardenklage, 8 verschwundene Sekunden
  9. Wechselspiel der Wünsche: ORF, Verleger, Politik
  10. Gesetze gegen Generäle: Das immer gleiche Muster von Kreisky über Schüssel bis Ostermayer
  11. Objektiv, unabhängig, unparteilich: Was sagen Gesetz und Gerichte?

Alles für alle: ORF und Programm

  1. Der Rundfunk für eh alles: ein Einstieg
  2. Politik macht Programm: Warum sich der ORF so breit macht
  3. ORF-Auftrag: Unterhaltung – Die unendliche Breite des Programmauftrags
  4. Mehr Unterhaltung als ProSieben, Kabel1, RTL 2, Sat.1, Puls 4, ATV, RTL, SRF, ARD, ZDF
  5. Rechtsbrecher ORF: Österreichs Gebührenfunk geht noch weiter
  6. Karneval und sonstiger Nonsens: Der allzu weite Kulturbegriff des ORF
  7. Der ORF begründet sein anspruchvolles Programm „etwas dürftig“
  8. Bis zu 54 Prozent Kaufserien: Deconstructing ORF 1
  9. Der Quotenmann des ORF: Gerhard Zeiler
  10. Containerfernsehen, Frauenbeschau, Abzock-TV, alles im ORF von Gerhard Weis und Monika Lindner
  11. Die größte Programmreform aller Zeiten: Wrabetz großes Scheitern 2007
  12. ORF auf allen Kanälen: Programme und Plattformen im Überblick

Über Gebühr: ORF und Geld

  1. Viermal größer als Google in Österreich: Medienmilliardär ORF im Größenvergleich
  2. Der ORF ist beinahe Einnahmen-Europameister – bei Gebühren und kommerziellen Umsätzen
  3. Gebühren rauf, Werbung runter: Woher kommt die ORF-Milliarde?
  4. GIS-Erhöhung bis 221 Prozent: Die tollsten ORF-Gebührenerhöhungen aller Zeiten – und die eine Senkung
  5. Das GIS-Kannenprinzip: Rundfunkgebühr für (fast) alle
  6. Unklarer Auftrag, fehlende Kontrolle: Wie die ORF-Gebühren EU-Recht verletzten
  7. Wohin geht die ORF-Milliarde? Vor allem ins Fernsehen, in Sport und Landesstudios
  8. Was kostet im ORF eigentlich… ? Ein Generaldirektor oder ein Direktor? Ein neues ORF-Zentrum? Eine Serie wie Vorstadtweiber?

Wunderwelt ORF: Hinter den Kulissen