Artisten, hohe Tiere, Attraktionen: Eigenheiten des ORF – etwa in seinen Strukturen. Skurriles und Legendäres. Und womöglich Dinge, die Sie noch nie über den ORF wissen wollten.

Dieser vierte große Abschnitt des ORF‐Buches ist noch in Arbeit. Hier sammle ich Küniglberg‐Kuriositäten in loser Abfolge, manche davon sind Ihnen in anderen Teilen des Buches schon begegnet.

Die ersten Eigenheiten über das 303‐Millionen‐Euro‐Bauprojekt Küniglberg sind hier schon nachzulesen – die Texte können Sie mit Klick auf den Titel ausklappen.

Weitere Texte folgen so bald wie möglich. Anregungen und Erinnerungen gerne an fid@diemedien.at

Das denkwürdige 303‐Millionen‐Bauprojekt Küniglberg

Womöglich bezeichnende Schlaglichter auf die nicht ganz rund laufende Sanierung des ORF‐Zentrums, den geplanten und wegen Anrainerprotesten, Mitarbeiterprotesten und Kostenüberschreitungen bald wieder infrage gestellten Neubau für Programmmitarbeiter und den dann doch nicht so stattfindenden Verkauf des ORF‐Funkhauses in der Wiener Argentinierstraße – die Vertagung des Verkaufs nach Ende des Geschäftsjahrs 2016 bescherte dem ORF ein ungeplantes Minus von 30 Millionen Euro. Um das Geld hätte man schon die bei der Kalkultion der Sanierung verdrängten Großstudios auf dem Küniglberg herrichten können.

Ein Sitzungssaal für 800.000 Euro – oder mehr

Ein ovaler Sitzungstisch für 42 Leute, ein stilisiertes ORF‐Auge aus Corian, bekannt aus dem stylischen Nassbereich, designed von TV‐Designer Stuart Veech, bekannt aus Studios von ORF, Al‐Jazeera und Servus TV: So gediegen tagen die Stiftungsräte und Publikumsräte des ORF ab Herbst 2017 im frisch sanierten Haupttrakt des Küniglbergs. Kostenpunkt: 800.000 – oder mehr. Die durchaus stolze Summe wird just im Mai 2017 bekannt, als die ORF‐Gremien die doch etwas teurere Sanierung von Bauteil 1 erfahren – sie kostete nach offiziellen Angaben nun statt budgetierten 53 immerhin 60 Millionen.

In diesem Mai 2017 prüft schon der Rechnungshof das aus dem Ruder gelaufene 303‐Millionen‐Euro‐Gesamtprojekt Küniglberg neu. Und ORF‐General Alexander Wrabetz rückt Stück für Stück ab vom Zubauprojekt eines großen ORF‐Programmcenters für alle Medien mit Newsroom, dessen Flächenwidmung wegen massiver Anrainerproteste doch nicht so glatt ging, wie erwartet. Und vom intern ohnehin heftig bekämpften Verkauf des Funkhauses.

Die 800.000 Euro (interne Prognose) oder 850.000 Budget oder 1,2 oder mehr Millionen (die Befürchtung von ORF‐Räten und -Mitarbeitern) für den Sitzungssaal sollen übrigens nicht nur den megalomanen Tisch, die doch auch recht teure Bestuhlung, Video‐ und Audioanlagen vom Feinsten abdecken, sondern das gesamte Areal um den Sitzungssaal. Mit nun getrennten Eingängen, Aufenthaltsräumen und WCs für Räte und Journalisten und einem ebenfalls abgetrennten Vorführsaal für Pressekonferenzen und Präsentationen.

Wie der ORF bei der Sanierung seine größten Studios verdrängte – und damit 30 Millionen Euro

Wie kann der ORF bei der Kalkulation eines 303‐Millionen‐Euro‐Sanierungsprojekts seine größten Studios verdrängen – mit einem Sanierungsbedarf von 30 Millionen Euro, also zehn Prozent der Gesamtprojektsumme? Die Frage stellt sich Stiftungsräten – und vor allem Gebührenzahlern – spätestens seit März 2017. Merke: 2012 begann die Sanierung des Hauptgebäudes auf dem Küniglberg. Im März 2014 beschlossen die Stiftungsräte, die ORF‐Standorte in Wien auf dem Küniglberg zusammenzuziehen und zuzubauen – aber auch das ist 2017 wieder fraglich.

Wie verdrängt man also 30 Millionen Euro Sanierungsbedarf auf dem Küniglberg? Wenn die Sanierung des Küniglbergs und der Neubau als realistische leistbare Variante gegen einen Neubau etwa in Wien‐St. Marx bestehen soll – wie das ab 2009 Finanzdirektor Richard Grasl und die ÖVP betrieben und auch Teile der SPÖ durchaus goutierten.

Dann lässt man in der Vergleichsrechnung von Standort neu und Küniglberg mit allen übrigen Wiener Unternehmensteilen (Radio und Landesstudio im Funkhaus in Wien‐Wieden, Ö3 und ORF On bisher in Wien‐Heiligenstadt) einfach jene Studios weg, die man nicht neu bauen würde – sondern in St. Marx zumieten und mit Privaten teilen. Das wäre dann ein großer Sendesaal wie der Z1, bekannt aus Dancing Stars,  den man eben nur phasenweise selbst bespielen kann, weil schon einmal Licht einschalten viele tausend Euro kostet.

Dumm nur, wenn man sich tatsächlich für die Sanierung des Küniglbergs entscheidet und diese 30 Millionen Sanierungsbedarf dann nicht mehr in die Gesamtrechnung findet. Durchaus bekannt und bewusst, erklärt ORF‐Chef Wrabetz das dann im März 2017 den fragenden Räten und Journalisten. Man wollte das Bauprojekt eben besonders ambitioniert kalkulieren.

Besonders ambitioniert kalkuliert war das Bauprojekt aber auch ohne solche Stunts – siehe Sanierung des Haupttrakts auf dem Küniglberg für 60 statt,  inklusive Baukostenreserve budgetierter, 53 Millionen Euro.

Wer hat eigentlich den Estrich in Auftrag gegeben?

Wer hat eigentlich bei Bauteil 1 den komplett neuen Estrich in Auftrag gegeben? Solche durchaus grundsätzliche Fragen beschäftigten schon im Herbst 2015 eine Sonderklausur des ORF‐Managements.

Nun antworten Menschen, die schon einmal saniert haben, auf diese Frage trocken: Wer Zwischenwände herausreißt und Leitungen erneuert, der wird wohl um einen neuen Estrich nicht herumkommen. Dennoch scheint die – im Sitzungsprotokoll vermerkte – Frage ein bezeichnendes Licht auf das ganze Projekt zu werfen. Da geht es nicht nur um die Frage: Neuer Estrich oder nicht? Da geht es auch und vor allem die Frage: Wer beauftragt was?

In den ersten Monaten gibt es kein wirksames, zentrales und koordiniertes Baumanagement für das 303‐Millionen‐Projekt Küniglberg. Und schon gar keinen Generalunternehmer (wie Bauprofi Hans Peter Haselsteiner im Stiftungsrat anmerkte – und darauf verwies, dass auch der Berliner Flughafen keinen hatte). Da entstehen solche Fragen nach dem Auftraggeber. Jeder Direktor verspricht seinen Leuten diese oder jene Ausnahme oder Annehmlichkeit, und schon ist man bei „inakzeptablen Baukosten“. Die stehen ebenfalls im Protokoll der Sonderklausur im Herbst 2017 – und waren Anlass für diese.

Pius Strobl, Alexander Wrabetz‘ Mann für Großprojekte aller Art von seiner Generalswahl 2006 bis zum Song Contest in Wien 2015 und selbst erfahrener Immobilien‐ und Baumanager, übernimmt schließlich die Koordination im ORF.

Die Mineralwasserleitung

Es sind kleine Details des großen ORF‐Projekts, die auf den ersten Blick staunen lassen: Ja, im geplanten, zunächst mit 60 Millionen Euro budgetierten Zubau für die ORF‐Programmmitarbeiter auf dem Küniglberg und für den multimedialen Newsroom, sollte es neben Hähnen für Warm‐ und Kaltwasser auch welche für Mineral‐ oder Sodawasser geben.

Entlang der Mineralwasserleitung wären die Baukosten für das 300‐Millionen‐Projekt Küniglberg schon nicht explodiert, sagen Kenner der Lage. Die Mineralwasserleitung wurde dennoch gestrichen – lange vor dem Zubau selbst.

Wie der ORF vergaß, dass Fernsehstudios Licht brauchen

Schon wieder so ein Detail, an dem sich die Probleme des großen 300‐Millionen‐Projektes Küniglberg neu und seiner Planung illustrieren lassen.

Bei einem Objekt von grob 80.000 Quadratmeter Grundfläche und rund 270.000 Quadratmetern Nutzfläche, in dem mehr als 1500 Menschen arbeiten, dessen Betontragwerk längst an seiner Belastbarkeitsgrenze angekommen ist, und das möglichst günstiger zu sanieren sein soll als ein Neubau auf der Industriebrache in St. Marx kostet – da kann man schon den Überblick verlieren, siehe verdrängte Großstudios. Auch bei einem ein Neubau für einige hundert Menschen gibt es einiges zu bedenken.

Und dennoch klingt es nicht sonderlich professionell, wenn eine Fernsehanstalt erst nach der Kalkulation entdeckt, dass die im Neubau geplanten Fernsehstudios Licht brauchen, und Fernsehlicht sogenannte Lichtträger braucht – und die wiederum eine besondere Decken‐Statik. Diese besondere Tragfähigkeit der Deckengestaltung wurde, wie sich herausstellte, bei der Kalkulation übersehen. Immerhin wurde die vergessene Anforderung entdeckt, und das lange, bevor der Neubau in der Form ohnehin abgesagt wurde.

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Wie Walter Meischberger dem ORF ein Social Network bauen wollte

Hätte der ORF doch nur 2008 auf Walter Meischberger gehört. Zehn Jahre später, im Frühjahr 2018, wünscht sich gar der private Konkurrent Markus Breitenecker, dass der ORF eine Social‐Media‐Plattform baut, und Medienminister Gernot Blümel (ÖVP) findet Breiteneckers Ideen für den Medienmarkt visionär und anstrebenswert. Bei Blümels Medienenquete am 7. und 8. Juni 2018 sind gemeinsame Online‐Plattformen von ORF und Privaten eines der Hauptthemen. Meischberger entwickelte für den ORF schon 2008 eine Mischung aus Facebook, Partnervermittlung, Onlinemarktplatz, Messenger und was es sonst noch schon gab in der Social‐Media‐Welt. Titel: DORF oder D‐ORF.

Als ich über das Projekt im September 2008 im Standard berichtete, winkte die Rechtsabteilung des ORF warnend ab – gesetzeskonform nicht möglich. In einem Medienverfahren sagte Meischberger später, ihm sei bewusst gewesen, dass der ORF DORF nicht selbst umsetzen könne. Er habe die Anstalt nur mit 25 Prozent Beteiligung an Bord holen wollen. Davon ist im Konzept so allerdings keine Rede – nur von einer Organisations‐ und Produktionsfirma als Träger des Projekts. ORF‐Onlinedirektor Thomas Prantner hatte damals schon die URL für DORF gesichert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Konzept für DORF liegt mir leider nur in schwarz‐weißer Kopie vor. Vielleicht interessieren Sie ja ein paar bisher unveröffentlichte Auszüge aus dem immerhin 35seitigen Papier des früheren ORF‐Stiftungsrats, der 2006 für Alexander Wrabetz als neuen ORF‐General stimmte, den Vertrauten und spätere Mitangeklagte von Karl‐Heinz Grasser im Buwog‐Verfahren.

Facebook hatte damals in Meischbergers Konzept weltweit rund 70 Millionen Userinnen und User, er verweist auch gleich auf den Börsenwert von Mark Zuckerbergs Social Network von damals 15 Milliarden Dollar. Das deutsche Network StudiVZ nutzten demnach damals in Österreich 300.000 Menschen, damaliger Wert: 85 Millionen Euro. Meischberger rechnte für DORF mit 300.000 bis 400.000 Nutzern, „geschätzter Wert: ?“.

Meischberger sah „die Chance, mit der Konzeption einer umfassenden Kommunikationsplattform alle drei Mediengattungen des ORF zu verbinden. Gleichzeitig wird die wohl größte österreichische Community installiert, organisiert und dadurch vermarktbar.“ Userdaten waren schon damals Treibstoff der Network‐Fantasie: „Erst wenn die benötigten Daten über Alter, Wohnort, Beruf und Interessen verfügbar sind, ist es möglich, Interessens‐ und Altersgruppen Im System zu filtern und jedem die entsprechenden Informationen über Profile, Veranstaltungen und Produkte zukommen zu lassen.“

Ein „Dorfladen“ sollte als eine Art österreichisches Amazon „zu günstigen Konditionen für DORF‐Mitglieder Produkte von der Baumwollsocke bis zum Bausparvertrag“ liefern. Ein „Messezentrum“ sollte Raum für Produktwerbung mit Link zur Homepage des Anbieters schaffen. Unterstützt von der Drogeriekette Bipa wollte Meischberger „Dorfschönheiten“ wählen lassen.  Eine Tauschbörse sollte OneTwoSold umsetzen (mit der Krone-Familie Dichand an Bord). „Herzilein“ nannte Meischberger eine Singlebörse im DORF.

Weniger profan‐kommerziell klingt es so: DORF sollte „auf einer einzigen Profilseite, Interessensgemeinschaften, Freundschaften, sogar Liebesbeziehungen mit Menschen überall in Österreich“ ermöglichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Lieblingszitat stammt aus der Beschreibung der DORF‐Navigation: „Aus einer mit Kuhflecken beklebten Bahn wird der DORFtrottel hüpfen und Im Getümmel einer anderen wird die DORFschönheit zu erkennen sein. Werbeträger wie Plakate und Videowände zeigen die jeweils interessanten News und Events in den gegliederten Bereichen. Diese U‐Bahn stellt den lebendigen Übergang von einer Schnellnavigation zur überirdischen DORFwelt, in der eingekauft, geflirtet und kommuniziert wird.“

Nach Zusammenarbeit mit privaten Medienhäusern, 2018 das Thema, klingt das Konzept nicht: Es verspricht dem ORF vielmehr, er könne da den „Gebührenzahlern aus der angesprochenen Zielgruppe die großen Unterschiede zur medialen Konkurrenz besonders klar herausarbeiten“. „Ob es um Differenzierung zu Printmedienhäusern und deren bimediale Basis geht, zur TV Konkurrenz aus dem eigenen Land oder Privat TV aus dem deutschsprachigen Ausland: Mit dieser Aktion zeigt der ORF seine klaren Vorteile gegenüber allen anderen auf dem medialen Markt.“ Und zumindest „teilweise“ könnte der ORF mit DORF auch seine „öffentlich‐rechtliche Verpflichtung erfüllen“, findet Meischberger damals.

DORF sollte mit Radiowerbung in Ö3 und mit einer eigenen TV‐Sendung im ORF promotet werden. In einem später aufgetauchten Mail Meischbergers erinnert er ORF‐General Alexander Wrabetz an eine ihm offenbar zugesagte wöchentliche TV‐Magazinsendung mit einem Budget von rund 3 Millionen Euro. Das wäre keine Kalkulation gewesen, sondern nur ein grober, für solche Formate üblicher Budgetrahmen, wird Wrabetz später in dem Medienverfahren aussagen.

Die TV‐Sendung zu DORF sollte aus der Community berichten und die „Erfolge“ der Plattform mit den wichtigsten Features von Youtube verbinden; zwei Sätze weiter ist dort schon vom Zusammenführen von Funktionen mehrerer sehr erfolgreicher Formate – Beispiele nun: Plattformen, Youtube, Big Brother – die Rede.

Meischberger erwartete offenbar mehr Publikum auf der Plattform als in ORF1 und Ö3 – das zumindest vermitteln Grafiken über das Zusammenwirken der ORF‐Medien: