Spät, absichtlich restriktiv und zumindest fahrlässig dilettantisch ließ Österreich privates Radio zu. Das Ergebnis: Auch 2020 kontrolliert ein Unternehmen, der öffentlich-rechtliche ORF, fast drei Viertel des Hörermarktes, zwei Drittel der Werbezielgruppe und an die zwei Drittel des Werbemarktes. Unter den Privatsendern gibt es nur einen Kanal, der bundesweit funkt. Aber in der digitalen Web-Welt kümmern Österreichs Radio-Regeln ohnehin nur noch bedingt.

Das Wichtigste im Überblick

  • 77 Prozent der Menschen ab 10 Jahren erklären 2019 laut Radiotest, sie hätten am Vortag Radio gehört. Unter den 14- bis 49-Jährigen sagen das 2019 immerhin 73 Prozent. Und das in einer zunehmend (medial) von Audiostreaming, allen voran Spotify, und Podcast-Boom geprägt ist.
  • Marktbeherrscher im Radio ist der ORF: 74 Prozent aller gehörten Radiominuten stammen vom ORF, in der jüngeren Zielgruppe zwischen 14 und 49 sind es 2019 64 Prozent. Ö3 und ORF-Regionalradios dominieren neben dem nationalen Markt auch die Bundesländermärkte.
  • Warnung aus der Steiermark. Die überragende Marktposition des ORF liegt nicht zuletzt an der späten und holprigen Zulassung von Privatradio in Österreich. 1995 konnten erste Privatsender legal starten – weil der Verfassungsgerichtshof das Radiogesetz wegen politischem Pfusch aufhob, aber nur in der Steiermark und in Salzburg. Die Antenne Steiermark überholte in diesem Regionalmarkt Ö3 aus dem Stand. Das erinnerte den ORF sehr deutlich, seinen kommerziell wichtigsten Radiosender (mehr als 50 Millionen Euro Werbeumsatz) bis zum nun verzögerten flächendeckenden Start von Privatradios (1. April 1998) professionell zu programmieren.
  • Privatradio bundesweit. Zum Schutz von Ö3, aber auch aufgrund der Wünsche regionaler Verleger nach regionalen Radios konnten Privatsender zunächst höchstens bundeslandweit senden. Erst 2004 erlaubten ÖVP und FPÖ bundesweite Radiosender – Kronehit startete noch im selben Jahr und blieb eineinhalb Jahrzehnte kommerziell sehr erfolgreich alleine. Erst Ende Oktober 2019 kann als zweites nationales Privatprogramm Radio Austria der Familie Fellner (Mediengruppe Österreich) starten.
  • Digitalradio DAB+ startet 2019 flächendeckend in Österreich, aber mit mäßigem Erfolg – der ORF will nur mitmachen, wenn er dort zusätzliche Programme senden kann, vor allem ein jüngeres Ö3 (Projektname Ö3X). Das widerspricht aber – Stand 2019 und bis zu einer Novelle – dem geltenden ORF-Gesetz. Kronehit verweigert sich DAB+ ebenfalls.
  • Förderungen. Der ORF erhält rund 640 Millionen Euro pro Jahr aus GIS-Rundfunkgebühren als öffentliche Förderung (dazu kommen Produktionskostenzuschüsse, Projektförderungen, öffentliche Werbung), die Privatrundfunkförderung subventioniert kommerzielle Sender mit 20 Millionen im Jahr für Sendungen im öffentlichen Interesse (im weiteren Sinne), der Fernsehfonds fördert die Produktion von Serien, Filmen und Dokus in Österreich mit 13,5 Millionen pro Jahr, dazu kommen regionale Produktionsförderungen. Nicht kommerzielle Sender wie Community TV und Freie Radios bekommen 3 Millionen vom Bund und rund 1,4 Millionen von der Stadt Wien.
    Deutlich mehr zum Thema gibt es unter dem Lexikonstichwort Radio.

Das Letzte: Updates zum Ausklappen


Die Fellners starten ihr bundesweites „Radio Austria“ am 26. Oktober 2019
Österreichs zweite bundesweite Privatradiolizenz (nach Kronehit 2004) wäre beinahe noch vor dem Start an den deutschen Medienkonzern Bauer gegangen und hätte zugleich eine neue Tempo-Höchstleistung der Fellner-Family beim Verkaufen von Medien bedeutet. Allein: Es wurde nichts aus dem Blitzsale noch vor dem Sendestart. Ab 26. Oktober 2019, dem Nationalfeiertag, bespielt Fellner nach eigenen Worten die nationale Lizenz"zu 100 Prozent österreichisch und zu 100 Prozent Fellner" bespielen wird. Die (laut Fellner) "Antenne Österreich Mediengruppe" werde den Sender betreiben, als Firma gibt es diese Mediengruppe bei Fellners Erklärung am 9. August 2019 (noch) nicht im Firmenbuch. Radio Austria soll das Programm für eine ältere Zielgruppe zwischen 30 und 50 heißen, es verspricht den "Sound deines Lebens" und wirbt mit "Wir lieben Österreich, wir lieben Hits". Morgen-Moderatoren: jeweils zwei Wochen Ö3-Wecker-Erfinder Rudi Klausnitzer und eine Woche Wolfgang Fellner selbst, mit Zeitung, Magazinen und Fellner Live im Fernsehen nicht ganz ausgelastet. Den Start verzögerten nicht allein die Verkaufsverhandlungen (die gaben aber den Ausschlag), sondern auch die Neuwahl des Nationalrats. Radio ist nicht gerade das Wahlwerbemedium der Wahl, und nach der Nationalratswahl sind deutlich mehr Plakatflächen zur Bewerbung frei.

Bundesweite Radiolizenz für Fellner-Gruppe
Familie Fellner (Mediengruppe Österreich) bekommt von der Medienbehörde KommAustria im Tausch für ihre Radiolizenzen (und einige zugekaufte von Lounge FM) eine bundesweite Radiolizenz, die zweite Kronehit (2004). Die Fellners wollen den Sender noch vor dem Sommer 2019 samt einer Reihe von Streaming-Spartenkanälen starten. Es wird – auch wegen Verkaufsverhandlungen schon vor dem Start mit der deutschen Bauer-Gruppe – dann doch 26. Oktober 2019.

DAB+: Medienbehörde vergibt Digitalradioplattform für Wien
Die KommAustria vergibt die technische Plattform für DAB+ im Raum Wien an die RTG Radio Technikum GmbH von Verein Fachhochschule Technikum Wien (50 %), Fischer & Masik OG (25 %, gehört je zur Hälfte RTG-Geschäftsführer Gernot Fischer und Werner Masik) sowie Christian Brunner (25 %). Schon am 31. Jänner 2017 hat die KommAustria neben Wien auch eine österreichweite Digitalradioplattform ausgeschrieben. ORF und Kronehit wollen bisher nicht mitmachen. 2019 startet der österreichweite Betrieb dieses Digitalradiostandards.

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