Wie tot ist eigentlich das klassische Fernsehen? Wenn man Netflix fragt oder Amazon Prime oder vielleicht auch Hulu, wenn man Branchendienste liest und Prognosen von Analysten, dann riecht das Fernsehen schon ziemlich schlecht. Die Daten – etwa über die Nutzung in Österreich, soweit verfügbar – zeichnen ein etwas anderes Bild. Aber: Beim jüngsten Publikum hatten Streamingangebote 2018 schon (nummerisch) höhere Tagesreichweiten als das lineare Fernsehen. Den größten Teil der Streamingnutzung (hier) holt sich allerdings weder der mit Goldenen Löwen dekorierte Branchenstar Netflix noch Herausforderer Amazon Prime – sondern die großteils frei verfügbare Google-Plattform Youtube.

Das Wichtigste zu Fernsehen und Streaming

  • Klassisch lineares Fernsehen liegt im Frühjahr 2019 laut Bewegtbildstudie der RundfunkregulierungsgmbH RTR beim Gesamtpublikum noch deutlich vor Streaming. Beim jüngeren Publikum zwischen 14 und 29 hat Streaming – gemeint vor allem: Youtube, Netflix, Amazon – schon höhere Tagesreichweiten als laufendes TV (gerechnet ohne Mediatheken von TV-Sendern). 65 Prozent der Menschen ab 12 Jahren sahen laut Teletest 2018 täglich fern, 48 Prozent sahen am Vortag zumindest eine Minute ORF 1 oder ORF 2.
  • Unter den Streamingangeboten liegt das hier vor allem werbefinanzierte Youtube deutlich vorne, die großen Pay-Angebote wie Netflix und Amazon folgen dahinter. Weder Netflix noch Amazon veröffentlichen bisher nationale Abo- oder Nutzungszahlen. Im Herbst 2019 starteten Apple TV+ und vor allem Disney+, voraussichtlich ab Frühjahr 2020 auch in Österreich.
  • Marktführer ORF. Im klassischen Fernsehen hat der öffentlich-rechtliche ORF beim Gesamtpublikum die weitaus höchsten Marktanteile laut Teletest, insbesondere dank ORF 2 und, mit einigem Abstand, dem jünger positionierten ORF 1, auch das deutlich vor allen privaten Einzelprogrammen. In der Hoffnung auf Einfluss auf den ORF ließen Österreichs Regierungsmehrheiten (meist SPÖ und ÖVP) privates nationales Fernsehen über Antenne erst 2001 zu, später als alle anderen Länder Europas. Das sicherte die herausragende Marktposition des ORF bis heute.
  • Werbemarktführer ProSiebenSat1Puls4. In der Werbezielgruppe zwischen 12 und 49 Jahren liegt der private TV-Konzern ProSiebenSat1Puls4 in Österreich vorne, seit er 2017 auch ATV und ATV 2 übernommen hat. Die Tochter des börsenotierten Münchner ProSiebenSat1-Konzerns verdankt ihre Marktposition nicht zuletzt Werbefenstern.
  • Werbefenster betreiben RTL-Gruppe (zusammen mit der Krone) und ProSiebenSat1 seit 1996 in Österreich. Werbefenster bedeutet: Für Deutschland produzierte und finanzierte Fernsehprogramme wie RTL oder ProSieben werden für Österreich parallel zum Mutterprogramm auf weiteren Frequenzen ausgetrahlt, die Werbeplätze in Österreich aber noch einmal verkauft. Das bedeutet: Zusätzliche Werbeeinnahmen ohne zusätzliche Programmkosten und deshalb auch billiger für die Werbekunden angeboten. Diese privaten Werbefenster prägen Österreichs TV-Werbemarkt, lange bevor Österreich private österreichische Fernsehprogramme zugelassen hat. Und als sie starten konnten, blieb zwischen ORF und Werbefenstern wenig Platz für sie – siehe ATV.
  • ORF-Player. Der ORF hat mit seinem ORF-Player in Sachen Streaming ab 2020 einiges vor – je nach seinen gesetzlichen Möglichkeiten. Die Social-Streaming-Plattform soll unter dem Titel ORF On aus einer Reihe von Channels für Sport, Information, Kinder, Kultur, Wissenschaft und Religion, Audioinhalte bestehen, produziert auch zuerst oder auch alleine für die digitale Welt, mit User-Beiträgen, mit Foren für Diskussionen über das Programm insbesondere auch mit den Programmmachern.
  • Förderungen. Der ORF erhält rund 640 Millionen Euro pro Jahr aus GIS-Rundfunkgebühren als öffentliche Förderung (dazu kommen Produktionskostenzuschüsse, Projektförderungen, öffentliche Werbung), die Privatrundfunkförderung subventioniert kommerzielle Sender mit 20 Millionen im Jahr für Sendungen im öffentlichen Interesse (im weiteren Sinne), der Fernsehfonds fördert die Produktion von Serien, Filmen und Dokus in Österreich mit 13,5 Millionen pro Jahr, dazu kommen regionale Produktionsförderungen. Nicht kommerzielle Sender wie Community TV und Freie Radios bekommen 3 Millionen vom Bund und rund 1,4 Millionen von der Stadt Wien.
    Deutlich mehr zum Thema gibt es unter den Lexikonstichwörtern Fernsehen und Streaming.

Das Letzte: Updates zum Ausklappen


Unterhaltungsriese Disney startet seinen Streamingdienst Disney+
Kaum hat Apple TV+ seine Streamingplattform eher holprig gestartet, setzt der weltgrößte Unterhaltungskonzern Disney sein Disney+ in den Markt – mit seinem gewaltigen Markenrepertoire von Star Wars bis Pixar und Marvel, etwa mit der Star-Wars-Serie The Mandalorian, spürbaren technischen Schwierigkeiten und doch 10 Millionen Anmeldungen in 24 Stunden. Die erste Woche ist kostenlos, danach kostet der Zugang 6,99 Dollar/Euro pro Monat. Disney+ beginnt in den USA, Kanada und den Niederlanden. Am 31. März 2020 kommt die Plattform nach Deutschland (und wohl auch Österreich), Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien. Disney-Boss Robert Iger erklärte öffentlich 60 bis 90 Millionen Abonnenten Ende 2024 zum Ziel. Netflix hat 2019 an die 160 Millionen weltweit.

Apple TV + startet durchwachsen
Apple startet am 1. November 2019 seinen Streamingdiensts Apple TV + mit eigenproduzierten Serien wie The Morning Show mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon, For All Mankind, See und Dickinson für nur 4,99 pro Monat, die erste Testwoche ist gratis. Die Kritiken der Serien wie der Plattform und des Handlings fallen überwiegend eher schroff aus. Programmchef Kim Rozenfeld, seit 2017 bei Apple, gibt zwei Wochen nach dem Start auf.

Youtube, Netflix, Amazon bei jungem Publikum vor klassischem TV
Die Deutschen zwischen 14 und 29 Jahren nutzen Videoportale häufiger und länger als Fernsehen (einschließlich zeitversetzte Nutzung): Die ARD/ZDF-Studie Massenkommunikation 2019, veröffentlicht im September 2019, deckt sich grob mit den Ergebnissen der österreichischen Bewegtbildstudie von RTR und TV-Veranstaltern vom Frühjahr 2019 mit 4000 Befragten. In Deutschland geben – bei insgesamt 2000 Befragten – 51 Prozent der unter 30jährigen an, sie haben am Vortag Filme oder Videos über das Internet gesehen, 47 Prozent nutzten TV-Angebote (auch zeitversetzt). In Österreich liegt bei Onlinevideoportalen Youtube deutlich vorne. In Deutschland haben 36 Prozent der Menschen zwischen 14 und 29 am Vortag Streamingplattformen wie Amazon Prime und Netflix genutzt und 22 Prozent Youtube und andere Videoportale. Von 151 Minuten, die junge Menschen unter 30 am Vortag für Video nutzten, gingen 68 ans klassische Fernsehen (inklusive zeitversetzte Nutzung), 81 an Film/Video online. 51 Minuten davon widmeten sie Streamingdiensten wie Netflix, 27 Videoportalen wie Youtube, 3 Prozent Newsportalen und Facebook.

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